Phonem

Ein Phonem (selten: Fonem) (von altgriechisch φωνή, phōnḗ, „Laut, Ton, Stimme, Sprache“) ist die abstrakte Klasse aller Laute (Phone), die in einer gesprochenen Sprache die gleiche bedeutungsunterscheidende (distinktive) Funktion haben.

Das Phonem kann somit als die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit (auch: Segment) des Lautsystems einer Sprache definiert werden. Demgegenüber steht das Graphem für die kleinsten bedeutungsunterscheidenden graphischen Einheiten des (eines) Schriftsystems einer Sprache.

Die Phoneme sind Untersuchungsgegenstand der Phonologie oder Phonemik, während die Phonetik die Phone gleichsam sprachunabhängig untersucht.

Zur Notierung von Phonemen bedient man sich im Allgemeinen der Lautschrift-Symbole des Internationalen Phonetischen Alphabets. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Vereinfachung: Da Phoneme nicht mit den Lauten identisch, sondern Positionen innerhalb einer Systematik sind, könnte man im Prinzip jedes beliebige Symbol für ein Phonem verwenden. Zur Unterscheidung werden Phoneme durch Schrägstriche und Phone in eckigen Klammern notiert.

Phone gehören zu unterschiedlichen Phonemen, wenn dem phonetischen Unterschied in der jeweiligen Sprache ein Bedeutungsunterschied entspricht. Dies stellt man anhand von Wörtern fest, die sich nur in einem Laut unterscheiden. Wenn beide Wörter Unterschiedliches bedeuten, sind die untersuchten Laute Realisierungen unterschiedlicher Phoneme. (Ebendies ist mit „bedeutungsunterscheidend“ gemeint.)

Ergeben sich Bedeutungsunterschiede, werden die Wörter „Wortpaare“ oder „Minimalpaare“ genannt. Zu erwähnen ist hier auch, dass Phoneme nicht nur als Lautsegmente realisiert werden, sondern auch als suprasegmentale Eigenschaften von Silben auftreten können. So bei den Tonsprachen, die verschieden hohe oder verlaufende Töne auf einer Silbe kennen, die eindeutig bedeutungsunterscheidend sind. Man spricht hier auch von Tonemen, die eine Untergruppe der Phoneme sind.

Mit Hilfe dieser sogenannten Minimalpaaranalyse lassen sich alle Phoneme einer Sprache systematisch erfassen und identifizieren: Führt das Ersetzen eines Lauts durch einen anderen zu einer Änderung (oder zum Verlust) der Bedeutung des Wortes, können beide Laute unterschiedlichen Phonemen zugeordnet werden. Bei Phonemen handelt es sich jedoch nicht um die Laute selbst; vereinfacht ausgedrückt kann man ein Phonem als eine Gruppe von Lauten, die von Muttersprachlern der jeweiligen Sprache als „ungefähr gleich“ empfunden werden, auffassen. Es sind also von den Einzellauten (Phonen) einer Sprache abstrahierte Einheiten. Als solche sind sie keine physischen Laute im eigentlichen Sinn, sondern müssen durch entsprechende Allophone realisiert („hörbar gemacht“) werden.

Die Phoneme sind keine Atome, sondern „kontrastieren in bestimmten Lauteigenschaften“. Die Lauteigenschaften, die ein Phonem von einem anderen unterscheiden, werden auch distinktive Merkmale genannt.

Wenn das Phonem als kleinste bedeutungsdifferenzierende Einheit bezeichnet wird, kann sich das also nur „auf kleinste in der Sequenz aufeinander folgende Einheiten“ beziehen, während „eine Gliederung in noch kleinere simultan im Phonem gebündelte Merkmale“ damit nicht ausgeschlossen wird.

In phonologischen Theorien, die primär mit distinktiven Merkmalen arbeiteten, gibt es allerdings eigentlich keinen Bedarf für den Phonembegriff mehr, und Symbole wie „/p/“ werden nur als eine praktische Abkürzung für ein Merkmalbündel betrachtet.

Welche Lauteigenschaften distinktiv sind, erschließt sich nicht einfach aus dem Klang, sondern ist eine Eigenschaft, die durch die Grammatik einer Einzelsprache festgelegt wird. Beispielsweise beruht der Kontrast der deutschen Wörter „Bass“ und „Pass“ darauf, ob der mit den Lippen gebildete Verschlusslaut stimmhaft oder stimmlos ist. In einer Sprache wie dem Koreanischen etwa bildet jedoch derselbe Kontrast keine Minimalpaare (sondern ein und dasselbe Phonem wird stimmhaft ausgesprochen wenn es zwischen zwei Vokalen steht und sonst stimmlos). Stattdessen benutzt das Koreanische die Behauchung (Aspiration) oder die gespannte Ausführung eines Verschlusslautes als distinktive Merkmale; minimale Kontraste sind z. B. [pal] „Fuß“ – [phal] „Arm“ – [ppal] „schnell“ (hierbei ist „ph“ als ein einziges phonetisches Zeichen für ein aspiriertes p und „pp“ als ein einziges phonetisches Zeichen für ein gespanntes p zu verstehen). Die Aspiration des Verschlusslautes „p“ liegt in dem deutschen Wort „Pass“ zwar vor, eine Aussprache ohne Hauch ergibt aber im Deutschen, anders als im Koreanischen, nie ein anderes Wort.

Gleichgültig, ob man Phoneme als das Ergebnis einer rein linguistischen Systematisierung oder als mentale Entitäten auffasst, in jedem Fall handelt es sich bei ihnen um Abstraktionen einer konkreten lautlichen Äußerung. Genauer handelt es sich um eine „Klasse von Lauten …, die alle distinktiven Eigenschaften gemeinsam haben, in den nicht-distinktiven dagegen differieren können.“

Dies bedeutet, dass sich konkrete Realisierungen von Phonemen erheblich voneinander unterscheiden können und dennoch ein und demselben Phonem zugeordnet werden. Die Realisierungen (Instanzen) eines Phonems werden auch Allophone genannt. Nach dem Gesagten können Allophone mitunter in verschiedenen Varianten auftreten.

Für eine Reihe von Phonemen existieren jedoch phonologische Regeln, die in Abhängigkeit von der lautlichen Umgebung eines Phonems eindeutig festlegen, mit welchem Allophon es zu realisieren ist. Man spricht von (kontextgebundenen) kombinatorischen Varianten eines Phonems – im Gegensatz zu freien Varianten eines Phonems.

Entscheidend ist also einzig und allein die lautliche Umgebung, inhaltliche Unterschiede zwischen den Wörtern spielen keine Rolle.

Bei derartigen sogenannten kombinatorischen Varianten sind beide Allophone zumeist so verteilt, dass dort, wo das eine stehen muss, das andere nicht stehen darf und umgekehrt (komplementäre Distribution).

Führen solche Regeln dazu, dass ein eigentlich distinktives Merkmal seine bedeutungsunterscheidende Funktion verliert, spricht man von Neutralisation.

Auch Assimilationsprozesse führen häufig zu Neutralisation.

Phoneme sind also nicht bloß phonetisch bestimmt, sondern „linguistische Elemente, die durch ihre Stellung im sprachlichen System, durch ihre syntagmatischen und paradigmatischen Relationen, das heißt durch ihre Umgebung und durch ihre Substituierbarkeit, bestimmt sind“.

Phonem und Graphem werden auch unter der Sammelbezeichnung „Distingem“ zusammengefasst.

Das Phonem ist zu unterscheiden vom Graphem. Das Graphem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der geschriebenen Sprache.

Das Phonem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der gesprochenen Sprache.

Das Phonem ist zu unterscheiden vom Morphem. Das Phonem ist als kleinste bedeutungsunterscheidende, während das Morphem als kleinste bedeutungstragende sprachliche Einheit definiert ist, da es einen semantischen Inhalt enthält. Die Phoneme /r/ und /t/ zum Beispiel unterscheiden die Lexeme (Wörter) „rot“ und „tot“ als Minimalpaar voneinander; sie selbst tragen keinerlei Bedeutung. Eine eigene Bedeutung haben dagegen die genannten beiden Wörter (Lexeme) und bilden jeweils ein Morphem. Ein Morphem besteht in der Regel aus einem oder mehreren Phonemen, die in der Schriftsprache als Grapheme notiert werden. Das Fehlen eines Phonems kann als Morphemform (Nullmorphem) bezeichnet werden, etwa wenn eine Flexionsform an der jeweiligen Stelle Phoneme enthält, eine andere dagegen nicht.

Beispiele für deutsche Phoneme:

Umstritten ist der phonematische Status im Deutschen u. a. bei den Schwa-Lauten (e-Schwa und a-Schwa), dem glottalen Verschlusslaut (auch Knacklaut, engl. „glottal stop“), den Diphthongen (vokalische Doppellauten mit Gleitbewegung von einem Ausgangs- hin zu einem Endvokal) und den Affrikaten (Abfolge von Plosiv und Frikativ, die mit dem gleichen Organ gebildet werden). Am weitesten auseinander gehen die in der Forschungsliteratur anzutreffenden Anzahlen an Vokalphonemen (nämlich von 8 bis 26).

Die Gesamtheit aller Phoneme wird auch als „Phoneminventar“ bezeichnet, dessen Größe von Sprache zu Sprache teilweise erheblich schwankt. Am Phoneminventar orientieren sich auch die meisten Alphabetschriften, im Idealfall existiert eine 1-zu-1-Zuordnung von Phonemen und Buchstaben.

Sprecher nutzen nur eine eingeschränkte Zahl potentieller Laute, die das menschliche Sprachorgan hervorbringen kann. Aufgrund von Allophonen ist die Anzahl der zu unterscheidenden Phoneme in der Regel kleiner, als die Anzahl der Laute, die in einer Einzelsprache identifiziert werden kann. Verschiedene Sprachen unterscheiden sich maßgeblich in der Anzahl der Phoneme, die ihrem Sprachsystem eigen sind. Das gesamte phonetische Inventar in den Sprachen variiert zwischen nur 11 in Rotokas und 10 – nach allerdings umstrittenen Analysen – in Pirahã, der phonemärmsten Sprache der Welt, und bis zu 141 Phonemen in ǃXóõ oder !Xũ, der phonemreichsten.

Die Zahl der phonemisch distinktiven Vokale kann niedrig sein wie in Ubyx und Arrernte mit nur zwei oder hoch wie in der Bantusprache Ngwe, die 14 Grundvokale aufweist, wovon 12 lang und kurz unterscheiden, plus 6 nasalierte Vokale, ebenfalls jeweils lang und kurz realisiert, was insgesamt 38 phonemische Vokale macht. !Xóõ (!Xũ) hingegen besitzt schon 31 reine Vokale, ohne dass man die zusätzlichen Variationen hinsichtlich der Vokallänge durch Tonhöhen dazuzählt. Hinsichtlich der konsonantischen Phoneme besitzt Puinave gerade einmal sieben und Rotokas sechs. !Xóõ (!Xũ) dagegen hat um die 77 und Ubyx gar 81 konsonantische Phoneme.

Das häufigste Vokalsystem besteht aus den fünf Grundvokalen /i/, /e/, /a/, /o/, /u/. Die häufigsten Konsonanten sind /p/, /t/, /k/, /m/, /n/. Sehr wenigen Sprachen fehlen diese Konsonanten, so gibt es im Arabischen kein /p/, im Standardhawaiianischen fehlt das /t/, Mohawk und Tlingit haben kein /p/ und /m/, Hupa hat weder /p/ noch ein /k/, umgangssprachliches Samoanisch hat weder /t/ noch /n/, wohingegen Rotokas und Quileute die Nasale /m/ und /n/ nicht haben.

Englisch besitzt eine große Variationsbreite an vokalischen Phonemen (zwischen 13 und 21, einschließlich der Diphthonge). Die 22 bis 26 Konsonanten entsprechen hingegen dem Durchschnitt der meisten Sprachen. Deutsch besitzt ungefähr 40 Phoneme (etwa 20 Vokalphoneme und 20 konsonantische Phoneme, je nach Zählweise), regionale Sprachvarianten besitzen oft erheblich mehr Phoneme.

Die Phonetik gibt die Möglichkeit, Phoneme als Mengen von (distinktiven) Merkmalen aufzufassen, anhand auserwählter Merkmale Phonemklassen zu bilden und das Phoneminventar als Phonemsystem zu betrachten.

Die Merkmale, durch die sich Phoneme unterscheiden, nennt man phonologische Merkmale im Gegensatz zu den phonetischen Merkmalen der Phone.

Phoneme lassen sich anhand ihrer Merkmale klassifizieren. Gibt es ein Merkmal, das zwei Phoneme voneinander unterscheidet, so wird es als distinktives Merkmal bezeichnet.

Für manche Phoneme gelten Einschränkungen, was ihre Position anbelangt: Im Deutschen etwa darf ​/⁠ŋ⁠/​ nicht am Wortanfang auftauchen, ​/⁠h⁠/​ nicht am Wortende

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Nach der klassischen Charakterisierung des Strukturalismus sind Phoneme abstrakte Einheiten einer systematisierenden Untersuchung von Sprache.

Noam Chomsky und Morris Halle begründeten eine psychologische Interpretation der Phoneme als mentale Einheiten.

Im Laufe des Spracherwerbs erlernt ein Kind, welche phonetischen Merkmale eines Lautes für die Bedeutung eines Wortes entscheidend sind und welche nicht. Die im Zuge dieses Prozesses entstehenden Kategorien werden als mentale Entsprechungen (Repräsentationen) der ursprünglich rein linguistisch definierten Phoneme angesehen. Nach dieser Auffassung haben Phoneme eine eigenständige Existenz im mentalen Sprachverarbeitungssystem eines Sprechers: Das System greift bei der Sprachverarbeitung tatsächlich auf diese Einheiten zurück. (Eine gegenteilige Hypothese wäre etwa die Behauptung, dass durch das Zusammenspiel von gelernten Wörtern und einzelnen Lautwahrnehmungen nur der Eindruck entsteht, Phonemkategorien seien im System am Werk.)

Der Einfluss dieser Phonemkategorien auf die Wahrnehmung lässt sich besonders gut beim Umgang mit einer Fremdsprache beobachten. Phonetische Unterscheidungen, die in der eigenen Sprache keine Rolle spielen, werden vom untrainierten Ohr auch in anderen Sprachen nicht wahrgenommen oder fälschlicherweise ein und demselben Phonem zugeordnet. Beispiel: Das chinesische ​/⁠r⁠/​ wird retroflex gebildet, das chinesische ​/⁠l⁠/​ in etwa wie unser ​/⁠l⁠/​. Wenn ein Deutscher seinen Laut ​/⁠r⁠/​ ausspricht, wird dieser von Chinesen als ​/⁠l⁠/​ wahrgenommen und nicht als das chinesische retroflexe ​/⁠r⁠/​.

Es kommt vor, dass in bestimmten Wörtern ein Phonem durch ein anderes ersetzt werden kann, ohne dass sich die Bedeutung ändert. Man nennt das Phonemvariation oder Phonemfluktuation. Sie ist in der standardsprachlichen Aussprachenorm relativ selten. Dort wo sie standardsprachlich anerkannt ist, kann sie auch Auswirkungen auf die Schreibung haben.

Beispiele: Standardsprachlich anerkannt (nach Aussprache-Duden und den einschlägigen Rechtschreibwörterbüchern, zum Teil als anerkannte Regionalismen):

Standardsprachlich nicht anerkannt, aber in der Umgangslautung zu finden (nach Aussprache-Duden):

Standardsprachlich zum Teil bzw. inzwischen anerkannt. Das amtliche Wörterverzeichnis von 2006 vermerkt: „Spaß, (österr. auch) Spass“, in der Schweiz schreibt man ausspracheunabhängig ausschließlich „Spass“:

Der Begriff des Phonems wurde erkennbar bei der Untersuchung von Lautsprachen entwickelt. Aber auch Gebärdensprachen verfügen über ein bestimmtes Inventar von gebärdensprachlichen Phonemen. Wegen des Modalitätsunterschieds (oral-auditorisch vs. manuell-visuell) wird dieses Phoneminventar in die vier Parameter Handkonfiguration, Handorientierung, Bewegung und Platzierung aufgeteilt, statt in Vokale und Konsonanten wie in Lautsprachen. Alle Gebärden werden mit mindestens einem Phonem aus jedem Parameter aufgebaut und simultan ausgeführt. Die Art und Anzahl der Phoneme können auch in Gebärdensprachen variieren, so dass man deswegen auch einen fremden Gebärdensprach-Akzent erkennen kann.